konsortium.Netz.kultur

konsortium.Netz.kultur ist der Zusammenschluss der österreichischen Initiativen an der Schnittstelle von Kunst, Kultur und neuen Informations- und Kommunikationstechnologien.

Über die Notwendigkeit einer aktiven Medienpolitik

Peter Riegersperger, Aktivist der Salzburger Internet-Plattform "subnet", zieht im SF-Meinungsforum eine kritische Zwischenbilanz über das Internet. Sie fällt ernüchternd aus. Die Technik allein realisiert das demokratische Potential des Netzes nicht.
Erschienen in Salzburger Fenster 29/2002 (25.9.2002)
Beitrag auf fenster.salzburg.com

Das ist die gängige These über das digitale Zeitalter: Das Internet revolutioniert unser Leben; Es verändert die Art, wie wir arbeiten, wie wir kommunizieren, wie wir uns informieren. Und es verändert sogar die Art, wie unser demokratisches System funktioniert. Aus einem hierarchischen Elitenstaat wird eine egalitäre Basisdemokratie, in der alle mitbestimmen und mitgestalten können. Um diese Cyber-Demokratie etwas plastischer zu gestalten, bemühen die Jünger dieser Lehre sogar die Agora, den griechischen Marktplatz als Ort gleichberechtigter Diskussion öffentlicher Angelegenheiten, ein Sinnbild westlicher Demokratie. Die Utopie der Cyber-Agora baut auf der Vorstellung auf, das Internet könnte die Versprechen von Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit einlösen, und für jedes Leiden der Welt ließe sich ein technologisches Heilmittel finden.

Diese hohen Erwartungen an das demokratische Potential des Internet gründen in zwei wesentlichen technischen Eigenschaften des Netzes: Es ist hierarchielos, und seine Inhalte sind global ohne Zeitverzögerung zugänglich. Dadurch wird der Einzelne in die Lage versetzt, seine Meinung gleichberechtigt der gesamten Welt mitzuteilen. Die Trennung traditioneller Medien in Kommunikator, der seine Ansichten publizieren kann, und Empfänger (Rezipient), der sie zwar konsumieren kann, aber keine oder nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten des Feedbacks hat, wäre damit aufzulösen. Daraus wird eine publizistische Macht des Einzelnen abgeleitet, die als Fundament einer Gesellschaft dienen könne, in der alle Menschen gleichberechtigt ihre Lebensziele verwirklichen können.

Ernüchterndes Ergebnis

Heute ist das Netz ein Massenmedium wie andere auch, und es erscheint sinnvoll, kurz innezuhalten und diese Utopien auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Das Ergebnis dieser Prüfung fällt ernüchternd aus. Zwar ist es grundsätzlich richtig, dass das Netz aufgrund seiner technischen Eigenschaften die hierarchische Trennung von Kommunikator und Rezipient auflösen kann, aber die technischen Rahmenbedingungen sind eben nur ein Kommunikationsfaktor unter vielen. Die Technik ist ein Faktor, der Entwicklungen möglich macht, aber nicht zwingend herbeiführt. Folgerichtig hat die Internet-Technik, nur ihren eigenen Impulsen folgend, auch den demokratischen Marktplatz nicht gebracht. Will man die Potentiale des Internet gesellschaftlich nutzen, um eine aktivere Demokratie zu erhalten, müssen die technologischen Möglichkeiten aktiv gestalten werden.

Zugang und Medienkompetenz

Der Zugang zum Internet muss in zwei Dimensionen weiter geöffnet werden: Erstens muss Internettechnologie gezielt denjenigen vermittelt werden, die bisher von diesen Entwicklungen ausgeschlossen wurden. Das sind rund 66 Prozent der EU-Bürger. Und zweitens muss die Art des Zugangs qualitativ verbessert werden. Den Nutzern (bereits das Wort ist verräterisch) muss Medienkompetenz vermittelt werden, die einen kritischen und aufgeklärten Umgang mit Medien ermöglicht. Denn nur durch diese Kompetenz ist es möglich, gesellschaftliche Forderungen an Technologie zu artikulieren und umzusetzen. Produktions- und Kommunikationsplattformen im Netz ermöglichen es den Menschen, die Versprechungen der Demokratie im Netz tatsächlich einzulösen. Die Geschichte des - ausschliesslich kommerziell orientierten - Internet zeigt deutlich, dass der Markt kein geeignetes Instrumentarium für die Errichtung solcher Plattformen ist. Die kritische, konstruktive Auseinandersetzung mit neuen Informations- und Kommunikationstechnologien findet abseits von Marktlogik und Staat im Umfeld von alternativen Medieninitiativen statt. Sie sind es, die den gesellschaftlichen Anspruch an Technologie in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellen. Sie grenzen sich weder gegenüber Markt noch Staat ab, definieren sich in wesentlichen Teilbereichen jedoch grundlegend anders. Medieninitiativen sind experimentelle Labors.
Diese experimentelle Arbeit an den Schnittstellen von Kunst, Kultur, Wissenschaft, Technologie und Gesellschaft bietet die Möglichkeit, technologische Entwicklungen zu hinterfragen, zu beurteilen und zu gestalten.

Aktiv eingreifen

Das Internet hat das Potential, gesellschaftliche Teilnahme zu fördern und der Zersplitterung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Die jüngere Geschichte zeigt aber deutlich, dass Technologie alleine nicht dazu in der Lage ist, diese Ziele umzusetzen. Statt auf die Selbstregulation von Technologie zu vertrauen, muss aktiv in die technologische Weiterentwicklung eingegriffen werden, um gesellschaftliche Notwendigkeiten zu artikulieren und durchzusetzen. Hier spielen die Labors, die Medienkünstler, die Medieninitiativen eine tragende Rolle. Ihre Arbeit kann als Regulativ wirken. Das Aufzeigen von Missständen und Problemen, die Entwicklung von alternativen Technologiekonzepten und die Vermittlung von Medienkompetenz sind unverzichtbar für eine Gesellschaft, die Technologie umsichtig, bewusst und zum Nutzen aller einsetzen will. Eine Medien- und Technologiepolitik, die einseitig auf die Entwicklung neuer Märkte für neue Produkte schielt, kann diesen Anspruch nicht umsetzen. Die Förderung der künstlerischen und kulturellen Auseinandersetzung mit Technologie muss integraler Bestandteil einer solchen Politik sein, wenn sie ihre gestalterischen Möglichkeiten nicht verlieren will.

Peter Riegersperger [peter.riegersperger@subnet.at] ist Aktivist bei der Salzburger Internet-Plattform subnet [http://www.subnet.at] und Vorstandsmitglied des konsortium.Netz.kultur [http://konsortium.at]

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